Streifzug mit Stadtarchivar Reinhard Jäkel durch die Geschichte Waltroper Parkanlagen 


Vom Luxusgut für die Oberschicht bis zum „Volkspark“ für Alle

Manches werden Sie schon einmal gehört oder gelesen haben. Es ist aber gut, immer mal wieder daran zu erinnern, dass im Grunde nichts selbstverständlich ist, dass auch Parks und Grünanlagen unter ganz konkreten Bedingungen, Vorstellungen und Ideen entstanden sind. Als gestaltete Flächen standen diese ehedem nur einer kleinen „Elite“ zu Erholung und Genuss zur Verfügung. Es war ein langer Weg zur Öffnung für alle sozialen Schichten. Kennzeichnend dafür steht der Begriff vom „Volkspark“. So schrieb Leberecht Migge (1881-1935), führender Gartenarchitekt in Hamburg, 1913 in seinem Werk „Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts“: „Es waren immer die Führenden der Völker, die Gärten besaßen. Und von Gärten, die das niedere Volk besaß, bietet die Geschichte gar nichts.“ 

 „Wir brauchen keine Sonntagsgärten“ 

Dagegen gelte es, den öffentlichen Garten für alle einzurichten: „Das Volk soll sich in ihm betätigen, am Alltag und am Ruhetag – wir brauchen keine Sonntagsgärten! Das Volk muss sich im Volkspark wirklich tummeln können, sonst hat er keinen Sinn. Das ist erst ein wahrer Volkspark, der seine Wiesen nur deshalb so sammetweich ergrünen ließ, damit das Volk geladen sei, sich darauf zu lagern, darauf zu spielen und zu tanzen.“ Ja, und natürlich muss auch „für das Schauen schöner erhebender Vegetationsbilder besonders Genüge getan werden“. Unsere öffentlichen Parks sind letztlich auch Ergebnis solcher Überlegungen. Nur nebenbei sei daran erinnert, dass der Zechenwald und ehemalige Privatpark des Zechendirektors nur sehr spät und nicht ganz ohne Mühe als frei zugängliche öffentliche Erholungsanlage umgenutzt werden konnte. Erst im Juni 1984 erfolgte die Einweihung des neuen öffentlichen „Zechenparks“.   

Visionäre Vorstellungen von einer „Volksgrünanlage“ 
Eine Zersiedlung des Gemeindegebietes wollten die Planer auf jeden Fall vermeiden 

Waltrop bezeichnet sich heute üblicherweise als „Stadt der Schiffshebewerke“. Gern benutzt wurde aber auch einmal der Slogan „Wohnstadt im Grünen“. Und in einem ganz schlichten ursprünglichen Sinne kann man darunter die Lage des Siedlungsgebietes inmitten eines ausgedehnten bäuerlichen grünen Umlandes verstehen. Für Ruhrgebietsverhältnisse ist es ja schon auffallend, wie sehr Waltrop einen geschlossenen Siedlungsraum bildet und eben nicht zur zerfaserten Streusiedlung aufgesplittert ist. Mit „Stadt im Grünen“ ist aber sicherlich auch das relativ stark durchgrünte Stadt- und Straßenbild selbst gemeint. Und das ist allerdings kein reiner Zufall, sondern – lange vor der Stadtwerdung – Teil einer planerischen Idee, wie Waltrop einmal aussehen könnte und sollte. Und auch in dieser Hinsicht war Waltrop durchaus etwas Besonderes, wenn man in die Zeit um 1900 blickt. 

Städteplanerischer und baulicher Wildwuchs 

Denn insgesamt herrschte noch um 1900 im Ruhrgebiet ein (städte-)planerischer und baulicher Wildwuchs. Ein Planungsinstrumentarium wie wir es heute kennen, mit Flächennutzungsplan (FNP) und rechtsverbindlichen Bebauungsplänen, gab es nicht. Dem Preußischen Fluchtliniengesetz von 1875 folgte im Grunde erst 1960 mit dem Bundesbaugesetz eine einheitliche gesetzliche Regelung. 

Aber da gab es ja noch das kleine Waltrop. Und das gab im März 1904 eine Stellenanzeige auf, man suche einen Amtsbaumeister, der „Erfahrung in der Herstellung von Fluchtlinien und Bebauungsplänen besitzt“. Was war geschehen? Nun, vor allem war Waltrop 1902/03 Bergbaustadt geworden und damit selbst endgültig in den Sog der Industrialisierung des Ruhrgebiets geraten. Man erwartete ein hohes Bevölkerungswachstum, also Menschen, für die Wohn- und Lebensraum geschaffen werden musste. Von vornherein war man nun hier entschlossen, planmäßig an die Entwicklung heranzugehen. Und erstes Ergebnis war 1906 ein „Bebauungsplan der Gemeinde Waltrop“.   Es war der erste Plan in einer Reihe von Plänen, die später folgten, blieb aber derjenige mit den „visionärsten“ Vorstellungen, zumal er die zu der Zeit fortschrittlichsten Ideen von einer „Gartenstadt“ und frei zugänglichen „Volksgrünanlagen“ konsequent aufgriff. Gemäß dem Plan sollte eine Zersiedelung des Gemeindegebietes auf jeden Fall vermieden werden, also kein unkontrolliertes Wachstum mit Splittersiedlungen. Auffallend sind unter anderem die Planung vieler Straßen als baumbestandene Alleen und die Sorgfalt bei der Platzierung öffentlicher Grünanlagen. Bereits vorgesehen ist der Park am Stutenteich. Ein erster neuer Volkspark liegt südlich, ungefähr im Bereich des heutigen Waldstadions, ein zweiter westlich beim Veiinghof-Wald. Dazu kommt Freigelände beim ehemaligen Haus Schörling, auch der neue Friedhof nördlich des Ortskerns sowie ein Park westlich der Berginspektion. 

Waltrop dient als positives Beispiel 

Auch wenn das erwartete Bevölkerungswachstum letztlich weit geringer ausfiel, prägten die Leitideen des Plans von 1906 die weitere Entwicklung des Stadtbildes. Selbst Philipp Rappaport, der erste Beigeordnete des 1920 gegründeten Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk, zog noch 1929 in einem grundlegenden Aufsatz über Städtebau und Landesplanung den Waltroper Plan als positives Beispiel heran. Aus dem Geist dieses Plans heraus ist im Grunde auch Waltrops „Alte Kolonie“ entstanden, mit ihrem – trotz einheitlicher Gesamtkonzeption – gestalterischen Abwechslungsreichtum, der Erschließung durch alleeartige Straßen, der großzügigen Durchgrünung und den großen Gartenflächen. 

Eine Anmerkung zum Plan von 1906: Vielleicht haben Sie die Nennung des Moselbachparks vermisst. Der ist tatsächlich dort nicht vorgesehen. Es handelt sich ja um ursprünglich vom Moselbach in offener Lage durchflossenes Acker- bzw. Weidegelände, mit häufigen Überschwemmungen. Im Plan schon angedeutet ist aber eine mögliche Verrohrung des Moselbaches. Als die dann Jahrzehnte später erfolgte, konnte die Umgestaltung zum Stadtpark erfolgen und im Mai 1976 die Einweihung der heute zentralen Waltroper Parkanlage erfolgen. 

Am „Stuckenteich“ wurde auch schmutzige Wäsche gewaschen 
Nach dem Plan von 1906 ist der Park am Stutenteich der zentrale Innenstadtpark 

In unmittelbarem Anschluss an die Innenstadt verfügt Waltrop also heute über zwei öffentliche Parkanlagen. Der Park am Stutenteich ist im Vergleich zum Moselbachpark die kleinere und ältere. In einer früheren Version des Namens ist die Rede vom „Stuckenteich“, etwa in den Schriften von Priester und Heimatforscher Dorfmüller. Mit „Stuckenteich“ ist man dem Ursprung des Namens und damit auch des so bezeichneten Geländes schon recht nahe. Südlich des Kirchhügels von St. Peter erstreckte sich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein nur von wenigen Bauwerken unterbrochenes Gelände, das sein Gesicht seither völlig gewandelt hat. 

Der Pfarrgarten von St. Peter und der Stutenteich gehören zum Moselbach-Quellgebiet, dem sowohl der Bach als auch der Stutenteich ihre Entstehung verdanken. Um 1900 wurde dort sogar noch Wäsche gewaschen. Am Teich entlang floss in west-östlicher Richtung ein Stück des Moselbachs. Teich und Bach hatten unterschiedlich hohe Wasserstände und waren durch einen Graben verbunden. Dieser Verbindungsgraben wurde deshalb aufgestaut, auf Plattdeutsch ausgedrückt: „Opgestuckt“, mit langem „u(h)“ (von „stocken“: erstarren, stehen, stagnieren), daher Stuckenteich und später Stutenteich. 

Mit Pferden hat der Stutenteich nichts zu tun 

Das Gelände ist in früheren Zeiten sicher auch als Weide für Pferde, also auch Stuten, genutzt worden, mit der Namensgebung hat dies ursprünglich erst einmal nichts zu tun. Wohl ebenso wenig wie mit dem StutenBrot, das im nahe gelegenen Backhaus beim Pastorat gebacken werden konnte. Allerdings könnte beides die sprachliche Brücke dafür gewesen sein, warum aus dem harten „ck“-Laut in Stuckenteich schließlich das sprachlich weichere „t“ in Stutenteich geworden ist.

Wohl hieß die Straße „Am Stutenteich“ bis 1953 „Im Wüstenhof“. Denn der Pfarrhof hatte ursprünglich mehr in Richtung der Bauerschaft gestanden, erst später wurden die Gebäude näher zur Kirche hin verlagert. Die alte Stätte verödete und hieß seitdem „Wüstenhof“. Das Stutenteichgelände war damals sumpfig. Mit dem Bodenaushub neuer Siedlungen wurde es zur heutigen Höhe angeschüttet und seit den 1950-er Jahren zur Parkanlage ausgebaut. 

Nicht weit entfernt vom Stutenteich ist eine wichtige innenstadtnahe kleine Grünanlage. Dieses bemerkenswerte Gründenkmal ist auch mit einer Straßenbezeichnung genau markiert: „Am Alten Friedhof“. Es handelt sich bei der kleinen Parkanlage in der Tat um altes Friedhofsgelände, allerdings nicht um den ältesten Friedhof Waltrops. 

Alter Friedhof: Ruhestätte für 6373 Waltroper 

Ursprünglich wurden die Verstorbenen auf dem Kirchhof von St. Peter beerdigt. Als die Einwohnerzahl weiter stieg und mit ihr auch die Zahl der Verstorbenen, wurde mit der ersten Beerdigung am 5. August 1823 am südwestlichen Rand des Dorfes ein ganz neuer Friedhof eröffnet. Bis 1906 fanden 6.373 Waltroper hier ihre letzte Ruhestätte. In diesem Jahr wurde dann ein neuer, dritter Friedhof im Norden außerhalb des Dorfes eingerichtet, der heute noch genutzt wird. Den bisherigen Friedhof zwischen Leveringhäuser- und Hilberstraße bezeichnete man nun als „Alten Friedhof“. Dieser zeichnet sich durch eine Besonderheit aus. Seit 1816 hatten sich auch in Waltrop Juden niedergelassen. Als am 2. Juli 1822 mit dem nur wenige Wochen alten Abraham Rosenthal hier der erste Sterbefall eintrat, wurde die Frage nach einem eigenen Friedhof dringlich. Neben der gerade neu eingerichteten christlichen Begräbnisstätte lag ein freies Grundstück, das von den jüdischen Familien gegen Zahlung von 15 Talern an die Kirchenkasse erworben werden konnte. Auf diesem jüdischen Friedhof erfolgten fortan die Beisetzungen, bis der neue Kommunalfriedhof angelegt wurde und die jüdische Gemeinde dann dort ein Gräberfeld bekam. Dieses nach wie vor als Friedhof verzeichnete Denkmal der jüdischen Gemeindegeschichte ist heute eingezäunt und mit einem am 9. März 1982 eingeweihten Gedenkstein versehen. Er trägt die Inschrift: „Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden (2. Mose 3,5). Jüdischer Friedhof. Gedenket der jüdischen Opfer der Jahre 1933-1945.“   

Von Reinhard Jäkel 

Erschienen im Dezember 2017 in: Heimatblätter Nr. 3, Heimatkundliche Schriftenreihe, Hrsg: Heimatverein Waltrop.