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Auf dem Bild: Fotocollage u. a. mit Andrea Röpke, Bürgermeisterin Nicole Moenikes, Gleichstellungsbeauftragter Sandra Hilse und Integralis e.V.-Mitarbeiter Oliver Wilkes
Überschrift
„Mädelsache“ in der rechten Szene – Film, Vortrag und Diskussion mit Andrea Röpke im Yahoo
Datum
14.09.2016
Meldung

Im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! – Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“ und der lokalen Initiative „Partnerschaften für Demokratie in Waltrop“ war gestern die Journalistin und Politologin Andrea Röpke in Waltrop zu Gast. Im Jugendcafé Yahoo hielt sie einen filmisch unterstützten Vortrag über Mädchen und Frauen in der rechten Szene. In der anschließenden Diskussion wurden Lösungsoptionen und Handlungsempfehlungen für praktische Problemsituationen im Umgang mit der rechten Szene aufgezeigt.

Am gestrigen Dienstag, den 13. September 2016, fand eine Vortragsveranstaltung der „Partnerschaften für Demokratie in Waltrop“ statt, bei der Andrea Röpke, Journalistin des Jahres 2012 im Bereich Politik und Trägerin des Paul-Spiegel-Preises für Zivilcourage, mit einer aktuellen Bestandsaufnahme über rechtsradikale Mädchen und Frauen den Blick für Entwicklungen schärfte, „die unsere Demokratie gefährden“.  

Die renommierte Fachjournalistin trug sich bei einem Besuch im Waltroper Rathaus ins Goldene Buch der Stadt ein (s. Bild), bevor Bürgermeisterin Nicole Moenikes um 18.00 Uhr die Veranstaltung im Yahoo eröffnete. Der Dank von Waltrops erster Bürgerin galt dabei nicht nur dem Vortragsgast des Abends, sondern auch allen Beteiligten der Projektreihe „Partnerschaften für Demokratie“ sowie allen Bürgerinnen und Bürgern, Ratsmitgliedern und Verwaltungskräften, die trotz der hochsommerlichen Temperaturen zahlreich im Yahoo erschienen waren.

Nachdem Waltrops Gleichstellungsbeauftragte Sandra Hilse dem Publikum Andra Röpke und Integralis e.V.-Mitarbeiter Oliver Wilkes die rahmenbildende städtische Initiative vorgestellt hatte, führte ein Film mit dem Titel „Heil Dir, Kameradin!“ ins Thema ein.

Sowohl die Video-Dokumentation, als auch der anschließende Vortrag von Andrea Röpke beleuchteten die Rolle und Stellung von Frauen am rechten Rand sowie deren Beteiligungen an Straftaten und räumten mit dem Klischee auf, dass „rechte Gewalt männlich“ sei: „Etwa jeder fünfte Nazi ist weiblich. Mit rund 20 Prozent stellen junge Mädchen und Frauen die ‚Zweite Front‘ innerhalb des braunen Spektrums“.

Der rechte Rand besetzt vermehrt soziale Räume, Engagements und Ehrenämter, aus denen sich die demokratische Gesellschaft zurückzieht und Frauen besetzten die Freiräume in der Szene, die die Männer ihnen überlassen. Obwohl immer noch Männerbastion, treiben Frauen die rassistische Ideologie und vor allem die lokale und kommunale Verankerung voran. Frauen in der Szene wirken im Hintergrund. Sie sind dabei, wenn extrem rechte Kameraden aufmarschieren, sie gestalten Info-Tische, unterstützen Wahlkämpfe und sorgen für eine nationalistische Erziehung des Nachwuchses. Letzteres bleibt ihre wichtigste Funktion: die „Erziehung als nationale Lebensaufgabe“, Frauen in rassistischen Bewegungen sind aber auch Organisatorinnen von Veranstaltungen (Demonstrationen, Brauchtumsfeiern etc.), dienen dem braunen Mob als „Eye-Catcher“ und suchen Anschlussmöglichkeiten an die gesellschaftliche Mitte (z.B. über Elternpflegschaften in Kindergärten und Schulen o.ä.).  

Andrea Röpke referierte auch anhand prominenter und weniger prominenter Beispiele über Frauen am rechten Rand früher und heute, über Entwicklungen und Gegebenheiten in nahezu allen rechten Milieus: bei der identitären Bewegung, PEGIDA, HOGESA, Parteien wie NPD, Die Rechte und auch AFD, sowie beim sog. „Dritten Weg“, der Wiking-Jugend oder rassistischen Frauengruppierungen wie dem „Ring nationaler Frauen“, „Ladies gegen Salafisten“ oder der „Gemeinschaft deutscher Frauen“. Ideologien und Feindbilder arbeitete Röpke dabei ebenso heraus, wie Rollen- und Aufgabenverteilungen.  

In der anschließenden offenen Diskussion mit Röpke selbst, Sandra Hilse und Oliver Wilkes auf dem Podium (s. Bild), kamen sowohl allgemeine, als auch spezielle, praxisorientierte Fragen auf: Wo beginnt „rechts“? Was ist „rechtsradikal“, was „rechtsextrem“? Warum personalisieren Medien (nicht nur) bei diesem Thema häufig? Gibt es einen fließenden Übergang vom Rechtspopulismus zur Rechtsradikalität? Welche Gegenreaktionen der Zivilgesellschaft kann es, welche muss es geben? Wo und wie findet politische Bildung statt? Was kann Jugendarbeit tun? Was kann Schule tun? Was können Lehrer tun? Und was nicht? Und nicht zuletzt: Was können Kommunen tun?

Andrea Röpke wusste nicht nur gute Antworten auf alle Fragen, sondern hatte auch konkrete Handlungsempfehlungen. Eine Antwort auf die letzte dieser wichtigen Fragen hat Waltrop bereits gegeben – mit dieser Veranstaltung und weiteren Projekten im Rahmen der „Partnerschaften für Demokratie“.

In Namen des Bundesprogramms („Demokratie leben! – Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“) und der von ihm vertretenen lokalen Initiative („Partnerschaften für Demokratie in Waltrop“) warb Oliver Wilkes für mehr Interesse, Engagement und Vernetzung in der Zukunft. Dabei machte er deutlich, dass die Vortragsveranstaltung mit Andrea Röpke als Auftakt einer Reihe fungiere und weitere Vortragsveranstaltungen folgen würden. Veranstaltungen zu Themen wie „Hatespeech im Internet“ oder „Ausstieg aus der Szene“ sind bereits in Planung.
 

INFO
Grundlage des Vortrags von Andrea Röpke war ihr gemeinsam mit Andreas Speit verfasstes Buch „Mädelsache – Frauen in der Neonazi-Szene“, erschienen im Herder-Verlag (248 Seiten, ISBN: 978-3451067518). Basierend auf umfangreicher und fundierter Recherche bietet „Mädelsache“ ein sehr belastbares, detail- und kenntnisreiches Bild der rechten Szene und der Mädchen und Frauen in ihr.


Bild: Fotocollage u. a. mit Andrea Röpke und Bürgermeisterin Nicole Moenikes (oben links), Gleichstellungsbeauftragter Sandra Hilse und Integralis e.V.-Mitarbeiter Oliver Wilkes (unten links, auf dem Podium)